Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

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schalter wolz
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Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hi Leutle,

hab in ebay eine Trompete aus den 20ern-30er Jahre ersteigert.

Sie ist Komplett aus Golmesssing mit Neusilberaussenzüge und Neusilber-Maschine mit Trommelwerk.Besitzt eine Heckelschnecke, keinen Kranz.
Hat keine Wasserklappe jedoch ein Notenkästchenhalter.
Die Schallstückstützen, Stimmzugstütze und und sonstige Stützen sehe genauso aus wie bei den alten Heckeltrompeten.

Die Gravur auf dem Schallstück lautet "J. Junghanns Nachf. Bremerhafen"
Kennt jemand so ein Hersteller, oder kann es sich um eine Widmung handeln?

Bilder kann ich gerne mal zumailen.

mfg

schalter
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Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Herr Wolz.

Zuerst einmal mein Glückwunsch zu dieser wunderschönen Trompete. Habe die Auktion auch verfolgt, aber nicht mit dem Interesse dafür mitzubieten. Wie Sie sicherlich wissen, haben Sie dem äußeren Erscheinungsbild nach eine "Heckel"-Trompete erworben. Jedenfalls konnte ich auf den eingestellten Fotos keine optischen Abweichungen zur Original Heckel-Trompete erkennen. Die Mensur, der Luftgang, Schallstückdurchmesser, Gesamtlänge etc. im Vergleich zu einer Original müßte man vermessen.
Zu Ihrer Frage:
Ich habe in der mir zur Verfügung stehenden Literatur keinen Hinweis auf die Firma Junghanns Nachf. in Bremerhaven gefunden. Sollte die Firma schon vor 1945 und eher bestanden haben, so besteht die Möglichkeit, sie in alten Weltadressbüchern ausfindig zu machen. Werde diebezüglich einen Museumskollegen fragen, ob dazu Informationen auffindbar sind.

Bis dahin mit freundlichen Grüßen Mario Weller


P.S.: ein schöner Name, auch im Original - und ein guter Trompeter sowieso!

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hallo Herr Weller,

vielen Dank für die schnelle Rückantwort.

Wo bzw. wer könnte die Trompete auf die evtl. Echtheit der Heckel begutachten bzw. vermessen?

mfg

schalter wolz (Timo Tschan)

P.S. Ist natürlich mein Pseudonym, welches ich auch im Trompetenforum nutze. :pardon:

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Timo.

Ihnen können sicherlich einige Metallblasinstrumentenmachermeister weiterhelfen. Wichtig ist aber der Vergleich mit einer echten "Heckel", so dass man sagen kann, Ihre Junghanns ist ein Nachbau einer Original-Heckel. Und dies nicht nur dem äußeren Anschein nach, sondern auch wirklich in Mensur, Länge etc.

Sie finden sicherlich kompetente Handwerker, welche Ihnen helfen können. Die Metallblasinstrumentenmacher des Vogtlandes finden Sie auch auf unserer Forumsseite.

Mit freundlichen Grüßen Mario Weller


P.S.: Wir haben in der ständigen Ausstellung des Musikinstrumentenmuseums Markneukirchen auch eine Original F.A.Heckel ausgestellt. Ein Besuch bei uns kann immer lohnenswert und informativ nützlich sein.

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hallo Mario,

d.h. es könnte sich evtl. um eine echte Trompete der Fa. Heckel handeln, die lediglich mit einer Widmung versehen wurde.
Oder ist dies völlig ausgeschlossen?
An welchen Merkmalen könnte ich eine echte Heckel noch erkennen?

mfg

Timo

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Timo.

Ich glaube nicht, dass man die Möglichkeit einer "Widmung" völlig ausschließen kann. Solange wir nicht einen Beleg für die Existenz der Firma Junghanns Nachf. gefunden haben, kann man wiederum auch nicht ausschließen, es handelt sich um eine Trompete aus deren Produktion. Gab es die Firma Junghanns, ist es erneut auch nicht ausgeschlossen, es handelt sich um eine "Original-Heckel". Dies deshalb, weil es damals wie heute nicht unüblich war / ist, Instrumente eines guten Herstellers zu kaufen und mit dem Namen der eigenen Werkstatt / Musikhauses zu versehen. Fazit: wir müssen dahingehend noch weitere Informationen suchen.

Zu den Merkmalen einer "Original-Heckel":
-Bohrung (Luftgang) 11,0 mm - also 0,2 mm enger im zylindrischen Rohrverlauf wie die "Kölner" Modelle.
-eine sog. "Heckel-Schnecke" (Stütze zwischen Schallstück und Stimmzug)
-ein sehr schmales Ringchen an der Oberzwinge
-Stimmzugstütze nicht aus gedrehtem Vollmaterial, sondern aus engem Rohr (vom Aufbau wie die "Querstege" in Posaunen
-ein sog. "Heckel-Kranz"

Weiterer Merkmale gibt es natürlich noch viele, aber auch Heckel baute nicht sein ganzes Leben lang stets mit den selben Details. Ganz im Gegenteil, Veränderung und Entwicklung gehörten auch schon damals zum Schaffen immer besser werdender Trompeten.

Leider kann ich Ihnen auf diesem Wege (Ferndiagnose) keine aufklärende Antwort zur Orginalität oder Nachbau geben, das geht wirklich nur von einem Meister und dann sicher nur im direkten Vergleich mit einer richtigen Heckel.

Vielleicht ließt aber auch ein richtiger "Heckel-Experte" Ihre Anfrage und meine Erklärungsversuche, dann könnte uns auch dadurch geholfen werden.


Mit freundlichen Grüßen Mario Weller

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hallo Mario,

hier noch ein paar Merkmale:

-Heckelschnecke
-Stimmbogenstütze als Rohrasuführung
-Trommelwerk mit kleinen runden Drückerblatten
-Schallstück 130mm Goldmessing einteilig 0,4mm Stärke, je weiter man zum Trichter kommt um so häufiger ist es verzahnt. Am Ende jeden 2-3mm die Verzahnung.
-Mundrohrstütze zum Schallstück(kurz nach der Mundstückahme)
mit einem in der Mitte geriffelten Ring ausgestattet.
-3. Zug ist ab dem Ausgang des 3.Ventils nach unten versetzt.

mfg

Timo

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Nachtrag:

Bohrung muß wohl 11,0 bzw. 10,95 sein.
Habe dies mit einem 10,9 bzw. 11,2er Bohrerschaft gemessen.
Beim Ausgang 3.Ventil in den Stimmzug versinkt ein 10,9er Bohrer mehr wie ein 11,2er. Hieraus resultiert wohl eine Bohrung von 10,95.

mfg

Timo

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Timo.

Vielen Dank für Ihre zusätzlichen Details an Ihrer Junghanns. Diese können mitunter schon weiterhelfen, aber nur in einem direkten Vergleich mit einer Original-Heckel. Ich vermied in meiner Auflistung ziemlich bewußt z.B. auf das Trommeldruckwerk, habe ich doch auch schon eine Heckel-Zylindertrompete mit Leipziger Spiralfederdruckwerk gesehen. So kann das Merkmal Druckwerkausführung nur bedingt einer Zuordnung dienlich sein. Die Unterschiede Ihrer Messung sind nicht ungewöhnlich, sie treten häufiger auf. Selbst bei Messung mit einem geeigneteren Werkzeug als dem von Ihnen aufgeführten Bohrerschaft treten kleine Abweichungen -bedingt z.B. durch Korrosion- auf. Zur Bohrung der Heckel-Trompeten schreibt Edward Tarr: "Die etwas engeren Dresdener Heckel-Trompeten (10,9, 11,0 oder auch 11,2 mm) werden in Dresden und Wien geblasen."
Daher -und aus Ihren unterschiedlichen Messungen- halte ich es für gut möglich, dass Ihre Junghanns einen Luftgang unter 11,0 mm besitzen könnte.
Der Schallstückdurchmesser von 130 mm ist bis in die heutige Zeit noch ein sehr gängiger, ihn direkt Heckel zuzuschreiben wäre aber sicher falsch.

Vorerst soviel. Es grüßt Mario Weller


Literatur: Edward Tarr: "Die Trompete - Ihre Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart", B. Schott's Söhne, Mainz, 3., überarbeitete Auflage 1994

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hallo Mario,

hier noch weitere Infos die ich recherchieren konnte.
Fa. Heckel hat unter anderem die Trompete auch ohne Kranz gebaut.
Wurden hauptsächlich für Wien ohne Kranz ausgeliefert.
Desweiteren bestehen die Züge alle aus Neusilberrohren mit Goldmessing Bogen.
Lediglich der Stimmzug ist komplett aus Goldmessing in 0,35 Materialstärke.
Die Maschine ist aus Neusilber mit Bronzeventilen.
Vom Spielverhalten her bin ich durchaus überrascht.
In der Lage bis C2 ist die Ansprache nicht so leicht wie man von aktuellen Trompeten gewohnt ist. Aber ab dem C2 geht sie richtig schön auf, vor allem ab G2-... ist sie super leicht zu spielen und sogar recht Intonationssicher.
Man muß halt immer am Ball bleiben, Unkonzetration beim Spielen verzeiht sie jedenfalls nicht.

Werd sie auf mal zu Alexander Weimann schicken.
Dieser wird sie mir überholen, und da er ja auch Gutachter und Restaurator ist kann er mir vielleicht näheres sagen.

Im Trompetenforum konnte mir bisher niemand weiterhelfen und die Heckel-Spezialisten haben sich hier ja auch noch nicht zu Wort gemeldet.

Auf jedenfall handelt es sich um ein sehrhochwertiges Instrument seiner Zeit, das ich mit Sicherheit nicht verkaufen werde.
Freu mich schon das gute Stück im Orchester einzusetzen.

mfg

Timo

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Timo.

Es freut mich, dass Sie den technisch / instrumentenbaulichen Merkmalen ebenso interessiert nachgehen wie den geschichtlichen Hintergründen aus der Entstehungszeit. Sicherlich wird Ihnen Herr Weinmann zu Ihrem Heckel-Modell und der Heckel-Trompete im Original auch noch zusätzliche Informationen geben können.
Zur Reparatur bzw. zur Restauration (je nach dem in welchem Umfang Sie es wünschen) ist Ihre Junghanns bei Herrn Weinmann ebenfalls in besten Händen!

Mit freundlichen Grüßen Mario Weller

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hallo Mario,

hab die Trompete zu H.Meyer nach Dresden geschickt, der Nachfolger von Heckel.
Er wird mir die Trompete überholen und hat sie auch begutachtet.
Zitat:
"Das Instrument, daß sie mir gesandt haben, ist meiner Meinung nach nicht in der Dresdner Heckel-Werkstatt gebaut. Details wie Schallstückmensur, Rohr- und Maße, verarbeitetes Material und Stützendesign deuteen darauf hin.
Meiner Einschätzung nach ist es gemäß der Ausführung und verwendeten Baugruppenteile um 1950 in der damaligen BRD gebaut. die Gravur dürfte also die Instrumentenmacherwerkstatt bezeichnen."
Das sind jetzt weitere Hinweise. Es handelt sich aber definitiv um ein hochwertiges Meisterinstrument.

Kommst du mit denen neuen Erkenntnissen weiter?

mfg

Timo

s.richard
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von s.richard »

Hallo,

laut den Weltadressbüchern von 1925/26 und 1930 ist die Firma J. Junghans Nachflg. eine Musikinstrumenten- und Sprechmaschinenhandlung in Bremerhaven.
Inhaber in dieser Zeit ist P. Meidenbauer
1912 ist diese Firma noch nicht verzeichnet gewesen.

mfg
Richard Straube

schalter wolz
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von schalter wolz »

Hi,

das heißt die Trompete muß also um 1920 - 1930 gebaut worden sein.
Nicht wie Herr Meye vermutet um 1950 in der BRD.
Weiß jemand was näheres zum Inhaber der Musikhandlung?
Hat die Fa. Instrumente selbst gebaut oder zugekauft?

mfg

Timo

Mario Weller
Metallblasinstrumentenbaumeister
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Re: Trompete 20er-30er Jahre Junghanns, Bremerhafen

Beitrag von Mario Weller »

Hallo Timo.

Ihre Schlussfolgerung zum Baujahr ist leider etwas zu vorschnell. Die Vermerke zur Werkstatt Junghanns, welche Richard Straube schrieb, betreffen die von ihm in den "Weltadressbüchern der Musikinstrumentenindustrie" gefundenen Einträge. Das aber nach dem 2. Weltkrieg diese Bücher nicht mehr aufgelegt wurden, kann man sich nur auf Daten bis in die 1930er Jahre stützen. Ergo, die Firma Junghanns Nachf. kann sehrwohl bis in die 50er Jahre und länger bestanden haben. Evtl. gibt es im Raum Bremerhafen bis zum heutigen Tage direkte Nachfahren der Familien Junghanns und -wie Richard dankenswerterweise herausfand- Meidenbauer!!! Möglicherweise gründet ein heute noch bestehendes Musikgeschäft auf dieser Firma!? Ich glaube es würde sich lohnen, den "Forschungshebel" einmal in Küstennähe anzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen Mario Weller

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