Geigenbauerwerkstatt um 1900
im Museum Ein Schema zu nennen ist ausgeschlossen. Von Anfang
an, seit Mitte des 17. Jahrhunderts, gaben die namentlich
bekannten Familien ihren eigenen Schulen ihr spezielles
Gepräge. Sie bauten nicht “über Form”, sondern schachtelten
frei auf.
Auf dieser Erkenntnis fußend stellte Christine Kröhner
in ihrer Diplomarbeit “Vogtländische Geigen von den
Anfängen bis etwa 1850. Untersuchungen zu ihrer Originalgestalt.”,
Universität Leipzig 1981, u. a. am Korpus der meisten
Vogtländer eine Seitengleiche fest. Eine
etwas oder stärker ausgezogene flache Oberbügelform
ist schon nicht mehr als allgemeingültig zu betrachten. Die Vielfalt der vogtländischen Modelle ist auffällig.
Zu den rein äußerlich erkennbaren Merkmalen der einzelnen
Regelteile kommen die nicht ohne weiteres sichtbaren
im Inneren der Violine.
Bautechnische Kennzeichen, wie eingeschobene Oberzargen
im Oberklotz oder Halsbefestigungen und -lagerungen
haben ebenso wenig ihren Gemeinplatz.Die
Eigentümlichkeiten in der Gestaltung - beispielsweise
der Schnecke - sind bei den verschiedenen familiären
Schulen unterschiedlich. Hinsichtlich der Wölbung gibt
es flache und höhere Typen, etwa nach Jacob Stainer
gehend. Vollkommen rundumlaufende Hohlkehlen zeichnen
diese Modelle aus. Selbst die im oberen Drittel als
Mulde gestalteten Seitenpartien des Wirbelkastens bleiben
auf einzelne Familienschulen beschränkt.
Oftmals besteht eine deutliche Demarkationslinie zwischen
den glatten unteren zwei Dritteln der äußeren Seitenwand
und der soeben genannten Mulde. Die Schneckenformen
sind mannigfaltig und selbst bei ein und demselben Geigenmacher
verschieden ausgefallen.
Eine oft erwähnte, sog. gedrückte oder gequetschte Form
der Schnecke, also keine gleichmäßige Rundung, kann
nicht als gemein vogtländisch angesprochen werden. Gerade
die Schnecken sind individuell geformt. Auch Größe und
Position sind unterschiedlich. Breite Ohren – schmale
Ohren, ausgeprägter Mittelgrad: Alles kommt vor. Schwach gekehlt - tiefer
ausgestochen: Das sind ebenfalls individuelle Merkmale
und keinesfalls fürs Vogtland generell gültige Normen.
Was man vogtländischen Schnecken nachsagt, sind nach
vorn unten nicht tief genug gekehlte, zeitig aufhörende
Rinnen über dem eigentlichen Wirbelkasten. Aber dieses
Merkmal besitzen andere Geigenbauschulen ebenso. Einfaches
vogtländisches Ahornholz, kein Riegelahorn, und einheimische
oder aus dem Böhmerwald stammende, engjährige Fichtendecken
sind die meist verwendeten Materialien.
Es gibt jedoch auch unregelmäßig eng geflammten Ahorn
aus obervogtländischen Höhenlagen bis etwa 940 m NN
(Kielberg 942 m, Aschberg 936 m). Hälse und Griffbretter
aus wilden Obstbaumgehölzen, die Griffbretter furniert
und/oder dunkel gebeizt, kommen vor. Als Standardausführungen
können sie nicht gewertet werden. Dasselbe gilt von
Drahtaufhängungen der Seitenhalter und deren Formen,
wie das an alten Instrumenten gelegentlich zu beobachten
ist.
Die Geigenmacher stellten sich ihre Beize
und Lacke selbst her. Die gelbe Gründung mit Safran
ist als typisch vogtländisch zu betrachten.
Der Lack hat gelbe, goldgelbe oder in allen Nuancen
vorkommende braune bis schwarzbraune Farbe und ist oftmals
gar nicht so steif und spröde, wie er immer hingestellt
wird. Schwarzbrauner Lack mit Drachenblutharzbeigaben
feuert in der Abendsonne dunkelrot. Direkte hellrote
Farbe kennt der Vogtländer nicht.
Klangvorstellungen
entsprachen dem jeweiligen Zeitgeschmack. Steilgewölbte
Violinen mit schmaler Brust geben im allgemeinen näselnde
Töne, oft als Flötentöne bezeichnet. Breitere Modelle
in flacher Bauweise klingen weich und zärtlich.
Als allgemeingültig wird diese Aussage nicht standhalten,
wenn nämlich eine Geige etwas anderes lehrt. Bei den vogtländischen
Violinen sind Klangbreite und -wirkung oft für Überraschungen
gut. Die folgenden Violinen wurden als markante Beispiele
aus den familiären vogtländischen Geigenbauschulen ausgewählt.
Eine typische Arbeit der alten Markneukirchner Ficker-
Schule aus der Werkstatt von Johann Christian Ficker
(1700-1722 verbürgt), und zwar um 1720, mit gedrucktem
Zettel und Brandzeichen versehen, stellt Inr. 0906 dar:
Schlichtes Holz, gründliche Leistung, jedoch nicht über
Form gefertigt, kurze Ecken, deutliche Hohlkehlen, sehr
sauber randnah eingelegte, fast zierlich zu nennende
Randadern (nicht in der Hohlkehle liegend).
Die 1677 in den Artikeln der Geigenmacherinnung Markneukirchen
festgelegte Forderung ans Meisterstück, nämlich gleichmäßig
gelb zu lackieren, war längst aufgeweicht. Die Farben
dieser Violine sind rötlichgelb mit einem rotbraunen
Rand in der Hohlkehle.
Durchgehend hellgelb
lackiert ist die original erhaltene und mit gedrucktem
Zettel signierte Violine von Carl Wilhelm Gläsel sen.,
Markneukirchen (1770-1855), Inr. 1352. Verwendung fand
unregelmäßig eng geflammtes, vogtländisches Ahornholz.
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