Geigenbauer Scherzer

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Bernd.B
Beiträge: 2
Registriert: Mi 06. Mai 2020, 21:33

Geigenbauer Scherzer

Beitrag von Bernd.B »

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe eine Geige ohne Zettel. Wäre es möglich, anhand der Geige den Erbauer festzustellen?
Ich vermute, daß die Geige in Markneukirchen gefertigt wurde. Auf jedem Fall war sie zur Reparatur dort. Das geht aus einem Brief hervor, der zur Geige gehört. Den Brief habe ich übersetzen lassen, da ich die alte Schrift nicht lesen konnte.

Hier ein kleiner Auszug :
Markneukirchen d. 16./5. 1902
Im Auftrag von meinem Bruder Theodor Scherzer erhalten Sie Ihre Viol. wieder, dieselbe ist nach Wunsch und Vorschrift gemacht,
der Ton ist nun sehr gut, auch liegen die gewünschten Saiten bei ...............
Der Preis lag damals für die Reparatur bei 4 Mark und 70 Pfennig.
Unterzeichnet mit : Aug. Moritz Scherzer , Instrumentenmacher

Könnte es sein, daß die Geige von einem Scherzer gefertigt wurde? Anhand der Reparatur auf den Hersteller zu schließen ist bestimmt spekulativ. Vielleicht liege ich auch falsch. Über eine kurze Einschätzung würde ich mich freuen.

Viele Grüße Bernd

Udo Kretzschmann
Geigenbaumeister
Beiträge: 515
Registriert: Do 02. Feb 2006, 11:16
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Re: Geigenbauer Scherzer

Beitrag von Udo Kretzschmann »

Hallo Bernd,

wenn ich nach dem Erbauer einer Geige gefragt werde, so ist der Zettel erst das Letzte, wonach ich schaue. Im Idealfall gibt der Zettel die Bestätigung - aber oft auch ein Kopfschütteln, was da so alles geklebt wurde. Jetzt ist das mit den Markneukirchner Geigen aber etwas ganz Besonderes. Hier gab es soo viele Geigenmacher und leider viel zu wenige eindeutige Referenzinstrumente, daß es schier unmöglich ist, da alle an der Stilistik zu erkennen. Viele, ja die meisten Geigenbauer lieferten auch an die hiesigen Händler, damals treffend "Fortschicker" genannt. Und diese untersagten den meisten Geigenmachern, ihre eigenen Zettel zu kleben. Kurz und gut, es ist schwierig und oft sogar unmöglich, den Erbauer zu ermitteln.

Aber welche Möglichkeiten sehen Sie denn überhaupt, Ihre Geige zu zeigen? Ist eine Reise nach Markneukirchen denkbar? Bilder sind zwar besser als nichts, aber die Geige in den Händen zu halten, ersetzen sie nur unzureichend.

Der Brief besagt deutlich die Reparatur durch August Theodor Scherzer (1851 - 1910), der hier am Ort Geigenmacher war. Er stammt aber aus einer Metallblasinstrumentenmacher- Familie. Als solcher waren u.a. auch sein Bruder August Moritz und Vater Friedrich August tätig. Dr. Enrico Weller schreibt in seinem Buch "Der Blasinstrumentenbau im Vogtland von den Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts" (siehe hier), dass August Theodor (wohl neben dem Geigenbau) ebenfalls Blasinstrumente fertigte. Firmiert hat August Theodor aber als Geigenmacher.

Allein an der Reparatur auch den Bau der Geige durch ihn festmachen zu wollen, halte ich für reine Spekulation. Der Brief spricht aus meiner Sicht sogar eindeutig dagegen, würde es doch bedeuten, daß Theodor S. eingesteht, die (von ihm gebaute) Geige habe vorher nicht gut geklungen! Außerdem spreche ich Kunden, die bei mir ein Instrument gekauf haben, viel persönlicher an.

Es wird also doch nur der Weg in eine Geigenmacher- Werkstatt bleiben, gern in Markneukirchen, bietet sich doch hier auch ein Besuch des Museums an, bei dem Sie noch viel mehr über die Geschichte des hiesigen Instrumentenbaus erfahren können. Bringen Sie dann bitte neben der Geige auch den Brief mit. Alte Geschäftskorrespondenz ist gern gesehen.

Mit freundlichen Grüßen

Udo Kretzschmann

Bernd.B
Beiträge: 2
Registriert: Mi 06. Mai 2020, 21:33

Re: Geigenbauer Scherzer

Beitrag von Bernd.B »

Hallo Udo,
vielen Dank für die ausführlichen Erläuterungen.

Die Geige hatte ich voriges Jahr von einem Geigenbauer überholen lassen, in der Hoffnung, eines meiner Kinder lernt Violine spielen. Leider hat keiner Interesse, deshalb wollte ich die Geige jetzt verkaufen. Es wäre zu schade, wenn sie nur irgendwo herum liegt. Schöner ist es dann, wenn sie wieder gespielt wird.

Wenn sich die jetzige Situation wieder etwas beruhigt hat, werden wir mit dem Brief und der Geige mal im Museum vorbei schauen. Vielleicht weckt der Besuch dann doch noch Interesse, ein Instrument zu erlernen.

Vielen Dank nochmal und viele Grüße
Bernd

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